Wüstungsforschung im Raum Schauenstein und Helmbrechts

Peter Braun

Was ist eine Wüstung?

Eine Wüstung ist ein Areal, welches vom Menschen kultiviert und meist auch bewohnt wurde. Später wurde die Flur (Flurwüstung, zum Beispiel durch Wiederaufforstung) bzw. die Siedlung aufgegeben. Idealtypisch stellt man sich als Wüstung in unserer Gegend ein kleines aufgegebenes spätmittelalterliches Dorf vor (wie beispielsweise Dürrengrün), als Wüstungen können aber auch verlassene Einzelhöfe, Weiler, Mühlen und Hämmer angesehen werden. Auch verlassene Burgen und Kirchen könnte man in die Definition aufnehmen, diese sind aber in der Regel bereits besser erforscht und sollen daher hier nicht weiter untersucht werden. Für diesen Beitrag ist hauptsächlich die Epoche des „Landbuches für Schauenstein und Helmbrechts“ vom Anfang des 16. Jahrhunderts interessant; grundsätzlich können Wüstungen schon weit vorher entstanden sein oder später, und genaugenommen geht diese Entwicklung auch noch weiter.
Ein anderer Aspekt sind temporäre Wüstungen: Viele bestehende Orte sind im Laufe ihrer Geschichte einmal Wüstung gewesen, oft aufgrund von Fehden oder anderer Kriegshandlungen, und wurden später wiederbesiedelt. Das Ereignis der Wüstwerdung kann so prägend gewesen sein, dass es auf den Ortsnamen Einfluss hatte, wie es bei Wüstenselbitz zu vermuten ist. Gelegentlich erhielt der Ort auch einen ganz neuen Namen, zum Beispiel der Ortsteil Geigersmühle als Überbleibsel von Keferngrün.

Wie funktioniert Wüstungsforschung?

Woher wissen wir etwas über verschwundene Siedlungen? Im Kern sind dies Beobachtungen und Funde vor Ort, Flurnamen oder Landkarten und möglichst zeitgenössische Quellen.
Vor Ort stellt sich die Frage, ob das Gelände für eine Siedlung geeignet war und welche Geländespuren davon zeugen. Dazu zählen auch Hinweise auf alte Verbindungsstraßen. Scherbenfunde im Untersuchungsraum sind gering und gehen kaum über den Scherbenschleier hinaus, sie erlauben manchmal noch keinen Existenzbeweis einer Siedlung, der teilweise grundsätzlich oder auf der Suche nach dem exakten Standort noch zu erbringen ist. Leider befinden sich viele Scherben in Privatbesitz oder ihr Verbleib ist unbekannt, so dass keine weitere Auswertung erfolgen kann. In Schloss Seehof als Sitz der Mittleren Denkmalschutzbehörde sind zahlreiche Scherbefunde dokumentiert. 
Größere Funde wie Mauerreste oder Hinweise auf Holzkonstruktionen gibt es in der Regel nicht oder sie sind, wie bei Reuschen, bereits Teil unbestätigter Überlieferung. Kleine Gebrauchsgegenstände wie der Spinnwirtel oder Spuren von Arbeitsvorgängen wie Schlackereste sind gefunden worden. Im Untersuchungsgebiet, also im Raum Schauenstein-Helmbrechts, ist lediglich die Wüstung Hoftheile systematisch ausgegraben und dokumentiert worden.
Flurnamen und Landkarten liefern wichtige Anhaltspunkte in der Wüstungsforschung. Auch wenn die Wüstung vielleicht schon gar nicht mehr bekannt war, hat sich der Name als Geländebeschreibung teils überliefert und gibt auch Auskunft über den genauen Standort. In den 1920er Jahren waren diverse Lehrer als Flurnamenerfasser und -forscher vor Ort unterwegs und haben hier auch ihre Rückschlüsse auf Wüstungen festgehalten. In der Bayerischen Uraufnahme um 1850 erfahren wir ebenfalls grobe Hinweise auf Fluren und erkennen über die Lage der Fluren zueinander beispielsweise die Form eines
ehemaligen Radialhufendorfes, wie Lauterbach oder Dürrengrün. 

Zeitgenössische Quellen sind in der Regel Verkaufsurkunden und natürlich auch das Landbuch selbst. Nicht immer sind Urkunden oder Kirchenbücher erhalten geblieben und der Zugriff ist unterschiedlich schwer. Geschichtsschreiber haben dann auf vorausgehende Schriften Bezug genommen, und die heutige sogenannte Sekundärliteratur liefert wertvolle Anhaltspunkte, birgt aber auch die Gefahr, dass Fehler übernommen und fortgesetzt werden. Oft erscheinen Wüstungen in der Heimatforschungsliteratur nur kurz in Aufzählungen von Ortsnamen oder anderen spärlichen Hinweisen. Gelegentlich gibt es auch Standortvermutungen, die als wiederlegt oder unbegründet anzusehen sind, es scheint im Umkehrschluss wichtig, auf bisherige Theorien hinzuweisen und Gegenargumente anzuführen, um Wiederholungsfehler zu vermeiden.

Mögliche Ortswüstungen im Raum Helmbrechts und Schauenstein?

In drei Urkunden, zwei von 1386 und eine von 1388, verkaufte die Familie von Wolfstriegel ihren Besitz an die Burggrafen von Nürnberg. In der Folgezeit kam es zu Spannungen im gesamten Grenzgebiet zwischen den Vögten von Weida und den Burggrafen von Nürnberg als um Ausweitung ihrer Einflussbereiche bedachte Territorialherren. Grenzstreitigkeiten, Streit um andere Rechte oder säumige Zahlungen waren Anlass für Fehden. Auseinandersetzungen hatten die Burggrafen nicht nur mit den Vögten, sondern auch mit dem Bischof von Bamberg und dem Lokaladel. Für den Raum Schauenstein und Helmbrechts
ist die Zeit der Jahrzehnte um 1400 die Zeit, in der die meisten Wüstungen entstanden sind. Dies gilt für Dürrengrün, den Jaythof, Grub, Lauterbach und Reuschen.
Das Schicksal der Hoftheile oder Hoffeld (der eigentliche Ort trug einen anderen Namen), lässt sich bislang nicht datieren. Das angrenzende Hilkersreuth war einschließlich seines heutigen Fehlens mindestens zweimal Wüstung. In vorurkundliche Zeit können die Hinweise auf drei Standorte namens Wüstengrün – bei Uschertsgrün, Mühldorf und Weidesgrün, reichen. Zumindest sind derzeit darüber keine Archivalien bekannt. Die drei Standorte können auch lediglich Flurwüstungen bezeichnen oder der ursprüngliche Ort trug einen anderen Namen. Das Eselsgütlein ist eine jüngere Einzelsiedlung, die Ende des

18. Jahrhunderts aufgegeben wurde.

Über die potentiellen Wüstungen Schönberg und Schönau ist bisher so wenig bekannt, dass man die Existenz von Ortswüstungen – zumindest vorläufig – in Zweifel ziehen sollte. Dieser Abschnitt soll nur eine grobe Übersicht bieten;

sicher lohnt es sich, auf jeden Standort genauer einzugehen, Am Ende unseres Aufsatzes werden einzelne Wüstungsstandorte genauer vorgestellt.

Was steht im Landbuch?

In der Zeit des Landbuches gibt es nur einzelne Hinweise auf heute nicht mehr vorhandene Orte. Nicht vorhanden sind Beschreibungen von Überresten und Spuren von Wüstungen im Gelände, und es werden auch keine Orte beschrieben,
die später zur Wüstung geworden und verschwunden sind. Ausgenommen sind hier die Kleinschwarzenbacher Mühle als Schneidmühl des „Nickell Drechsel“ und die Schneidmühle unter dem Rauhenbach „alls die Rodach entspringt gelegenn“.
In der Vergangenheit entstandene Wüstungen können als Flurnamen überliefert sein und als genaue Ortsbeschreibung dienen. Dies ist für den Bereich der Wüstung Lauterbach und der Wüstung Hilkersreuth mit der mehrfachen Beschreibung
„zu Lauterbach“ und „zu Hilkersreuth“ oder „in der Hilkersreuth“ der Fall. Über die Abgabepflichten von Besitz in der Hilkersreuth erfahren wir bezüglich Getreide: „… davon geben sie der herschaft die zehenden garb und dem pfarrherr zum Helmbrechts die dreissigstenn garb“. 

Heinrichsreuth wird im Landbuch zweimal erwähnt, als Lokalisierung heißt es: „Item ein weier bei Heinrichsreut’ an der straß unter dem Helmbrechts gelegenn …“. Der Weiher an der Staatsstraße zwischen Helmbrechts und Volkmannsgrün ist heute noch vorhanden. Heinrichsreuth könnte damit der noch fehlende Ortsname der Hoftheile bzw. Hoffeld sein, Hilkersreuth dürfte weiter westlich gewesen sein.
Schönau bezeichnet die Wiesen an der Selbitz zwischen Uschertsgrün und Weidesgrün und wird als Begriff mehrfach im Landbuch erwähnt. Bisher sind Hinweise auf eine Wüstung Schönau sehr spärlich und widersprüchlich. Das Wüstengrüner oder Schönauer Bächlein ist heute das Aubächlein. 

Wüstengrün bei Uschertsgrün ist eine Flurbezeichnung, die eine Wüstung nahelegt.

Schönberg dient neben der Bezeichnung des Berges auch der Beschreibung eines Waldes (Holz). Eine gleichnamige Wüstung wird westlich in unmittelbarer Nähe des Schafhofes vermutet.
Der mehrfache Hinweis auf eine „Wusten pruck“ in verschiedenen Schreibweisen
bezieht sich wohl tatsächlich auf eine eingestürzte Brücke.

Beispiele von Wüstungen

Jaythof

Der Jaythof lag in der Nähe des Brücklasteiches bei Wüstenselbitz, der von jeher für Grenzbeschreibungen herangezogen wurde. Heute verläuft hier die Kreisstraße HO 23 an der Landkreisgrenze von Kulmbach und Hof. Zuvor war an dieser Stelle die Grenze zwischen dem Markgraftum Kulmbach-Bayreuth und dem Hochstift Bamberg. Hier fand ein Geleitwechsel statt, was schon bereits eine Funktion des Jaythofes gewesen sein könnte. Namensgebend könnte auch die Nutzung als herrschaftlicher Jagdhof am Kriegswald gewesen sein. Bisherige Spuren legen die Theorie nahe, dass der Jaythof als kleiner Grenzposten
in Bachnähe begann und sich später hangaufwärts auf mehrere Anwesen vergrößerte. Der Jaythof wird zuletzt 1386 und 1388 beim Verkauf der Herrschaft Schauenstein von den von Wolfstriegel an die Burggrafen von Nürnberg genannt, ab 1408 erscheint der Jaythof nur noch als Wüstung.

Dürrengrün
Brücklasteich und Kriegswald beim Jaythof

Dürrengrün

Dürrengrün lag an der Selbitz an der Stadtgrenze zwischen Helmbrechts und Münchberg. Durch die angewachsene Stadt Helmbrechts findet sich die Wüstung im heutigen Ortsteil Haide wieder. Die Radialhufenfluren und zahlreiche Bodenfunde lassen die Lage der Wüstung exakt bestimmen. Dürrengrün ist beim Verkauf der Herrschaft Schauenstein 1386 und 1388 letztmalig genannt.

Dürrengrün
Wüstungsareal bei Dürrengrün westlich der Selbitz

Hilkersreuth

Hilkersreuth lag nordöstlich von Kleinschwarzenbach, es ist 1408 als Wüstung genannt. Die Felder sind unter den Kleinschwarzenbacher Bauern aufgeteilt worden, die hierfür besondere Abgaben zu leisten hatten. Im 18. Jahrhundert war Hilkersreuth dann nochmals besiedelt. Die Schilderungen und Geländespuren legen nahe, dass es sich um einen Einzelhof oder Weiler gehandelt haben muss. Allerdings gibt es mit einem Schafhof, der Kleinschwarzenbacher Mühle und weiteren Wüstungen viele Hinweise auf die Besiedlung entlang des Grönbaches.

Hilkersreuth
Überreste eines Brunnens von Hilkersreuth in Hanglage

Hoftheile

Hoftheile lag westlich der Staatsstraße 2195 zwischen Helmbrechts und Volkmannsgrün. Der ursprüngliche Name der Siedlung ist ungewiss, der Name Hoffeld oder Hoftheile entstand, als die Ratsmitglieder von Helmbrechts den Besitz unter sich aufteilten. Im Jahr 2004 fand unter Leitung von Wolfgang Tejkl die bisher einzige systematische Ausgrabung im Kontext der Wüstungsforschung im Gebiet Helmbrechts/Schauenstein statt.

Lauterbach

Lauterbach lag nördlich der Staatsstraße 2693 zwischen Volkmannsgrün und Neudorf. Früher kreuzten sich an dieser Stelle zwei Altstraßen, nämlich eine in Ost-West-Richtung verlaufende Straße annähernd deckungsgleich mit der Staatsstraße und eine in Nord-Süd-Richtung verlaufende Straße von Schauenstein in Richtung Edlendorf. Die Radialhufenfluren, die heute nach wie vor existieren, skizzieren die Lage des Ortes. Der Name Lauterbach, möglicherweise abgeleitet von der Erzwäsche mittels eines Lautertrogs, und Bodenfunde legen Bergbautätigkeiten nahe. Der Ort wird beim Verkauf der Herrschaft Schauenstein 1386 und 1388 letztmalig genannt und erscheint kurz darauf als Wüstung.

Lauterbach
Radialhufenfluren von Lauterbach im Winter

Eselsgütlein

Das Eselsgütlein liegt im Eselswald auf dem Esel, einem Berg neben dem Schönberg. Es befindet sich an der Stadtgrenze zwischen Schauenstein und Selbitz auf dem Weg nach Hartungs. Erkennbar ist eine Rodungsinsel mitten im Wald, die Lage des Einzelhofes lässt sich über die Flurstücke exakt bestimmen. Die Besiedlung erfolgte offenbar von Weidesgrün aus. Als erster Besitzer gilt Jörg Teubitzer um das Jahr 1571. Es soll 1778 aufgegeben worden sein.

Literatur

Karl Dietel: Münchberg – Geschichte einer Amts- und Industriestadt. Münchberg 1963. S. 43, 468.
Günther von Geldern-Crispendorf: Kulturgeographie des Frankenwaldes. Halle 1930. S. 280.
Annett Haberlah-Pohl: Münchberg – Historischer Atlas von Bayern – Teil Franken, Reihe 1, Heft 39. München 2011. S. 12, 21, 23, 153, 263, 455.
Hans Seiffert: Helmbrechts – Geschichte einer oberfränkischen Kleinstadt. 2. Auflage, Helmbrechts 1956. S. 69, 75, 79, 89f.
Hans Hartmann: Abgegangene Orte an der mittleren Selbitz. In: Frankenwald – Zeitschrift des Frankenwaldvereins e.V., Heft 1/1988.
Adam Ziegelhöfer, Gustav Hey: Die Ortsnamen des ehemaligen Fürstentum Bayreuth. In: Archiv für Geschichte von Oberfranken, Band 27, Heft 1. Bayreuth 1920.
Matthias Körner: Kooperation – Koexistenz – Konkurrenz. Herrschaftskräfte und Herrschaftsformen im Raum Naila vom Mittelalter bis zum Ende des Alten Reiches. Historischer Atlas von
Bayern – Der Altlandkreis Naila. Inaugural-Dissertation. S. 96.
Karl Christian Müller: Der ehemalige Jaythof bei Wüstenselbitz. In: Frankenwald – Zeitschrift des Frankenwaldvereins e.V., Heft 5/1969. S. 125–127.
Johann Schlund: Zur Geschichte des Frankenwaldes. Sonderdruck nach einer Aufsatzreihe aus der Zeitschrift Frankenwald aus den Jahren 1935/1942. S. 81.
Ludwig Bencker: Geschichte der Stadt Helmbrechts nebst eingepfarrten Ortschaften. S. 44, 48. Ernst Klinger: Das Bad Steben, seine Umgebung u. seine Heilmittel mit diätetischen Anleitungen zum Gebrauch für Curgäste. Bayreuth 1866. S. 37.
Friedrich Wilhelm Anton Layritz: Topographisches Verzeichnis der zur Pfarr Helmbrechts … gehörigen Dorfschaften. In: Fränkische Provinzial-Blätter. Bayreuth 1801. S. 417–425.
August Rauh: Kleinschwarzenbach – Geschichte eines oberfränkischen Dorfes der Stadt Helmbrechts. Selbstverlag, 1986. S. 4f., 13, 97f.
Klaus Rauh: Wüstungen nördlich von Helmbrechts. Helmbrechts 2014. (Unveröffentlichter Aufsatz)
Johannes Pechstein: Chronik von Weidesgrün. 2007.